Arbeitsmittel Smartphone: Ein Gesundheitsrisiko?
- mstumpp
- 18. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Smartphone-Nutzer im Straßenverkehr die Unfallrisiken erhöhen, ist nachvollziehbar und allgemein bekannt. Wie sehr darüber hinaus die permanente Handynutzung auf mannigfache Weise unsere Gesundheit beeinflusst, wird dagegen unterschätzt. Arbeitsmittel Smartphone: Ein Gesundheitsrisiko?
Man stelle sich vor, der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens hört von neuen und ganz innovativen Handwerkzeugen und ordert diese für die Belegschaft. Nach einigen Tagen wird eine Palette mit Dutzenden kleiner Kartons geliefert, die schnell verteilt und ausgepackt werden. Aufmerksame Sicherheitsbeauftragte sagen „Stopp“ und fragen nach der Gefährdungsbeurteilung der neuen Arbeitsmittel.
Der Betriebsarzt findet heraus, dass das Benutzen der neuen Geräte mit einer ganzen Palette physischer und psychischer Risiken in Verbindung gebracht wird. Zudem treten völlig neue Krankheitsbilder auf, Langzeitwirkungen und Spätschäden sind unbekannt. In seinem Bericht an den Arbeitgeber ist von Kurzsichtigkeit und Schlafstörungen, Bandscheibenverschleiß und Haltungsschäden, Nackenverspannungen und Sehnenscheidenentzündungen die Rede.
Würde irgendjemand ein solches Gerät noch freiwillig benutzen wollen? Würde nicht spätestens jetzt der Betriebs- oder Personalrat einschreiten und die Sifa vergeblich nach DGUV-Regeln zu diesen offenbar hochgradig gesundheitsgefährlichen Arbeitsmitteln suchen?
Risiken und Nebenwirkungen
Dieses Szenario mag überzogen formuliert sein – und doch ist es nicht realitätsfremd. Denn die neuen Arbeits- und Kommunikationsmittel, die wir Handy oder Smartphone nennen, haben sich still und heimlich in unser Leben geschlichen. Die Folgen für unsere physische wie psychische Gesundheit werden jedoch erst allmählich deutlich.
Bei Medikamenten heißt es stets, dass wir zu Risiken und Nebenwirkungen unseren Arzt oder Apotheker fragen sollten. Doch wer gibt Auskunft zu den Risiken und Nebenwirkungen unserer Lieblingsspielzeuge?
Drei Stunden täglich
Die meisten Menschen verwenden das Smartphone im Privatleben so selbstverständlich, dass sie die Nutzung am Arbeitsplatz gar nicht erst hinterfragen. Und in der Tat erscheinen Lärm und Asbest, rückwärtsfahrende Baumaschinen oder rotierende Messer gesundheitsgefährdender und verletzungsriskanter als Handys im Betrieb.
Doch dies darf nicht dazu führen, die Folgen einer exzessiven Smartphone-Nutzung für Nacken, Augen, Haut und Psyche zu ignorieren. Allein schon die Dimensionen der massenhaften, weltweiten und permanenten Nutzung geben Anlass, kritisch hinzuschauen:
Das Smartphone hat einen globalen Siegeszug angetreten. Rund fünf Milliarden Menschen nutzen inzwischen derlei Geräte.
Knapp 22 Millionen Smartphones wurden 2024 in Deutschland verkauft. Fast jeder Erwachsene nutzt eines. Nur bei den über 70-Jährigen kommt einer von dreien ohne aus.
Wie kein anderes Werkzeug oder Spielzeug ist das Smartphone allgegenwärtig, pausenlos präsent im 24/7/365-Modus.
In Deutschland verbringt jeder Mensch im Durchschnitt fast drei Stunden pro Tag mit seinem Smartphone – ohne Urlaub, ohne Wochenenden, ohne Auszeiten.
Das Smartphone begleitet uns nahezu überallhin, in die Öffentlichkeit wie auch an allerprivateste Orte.
Wie tief sich das Smartphone in unseren Alltag eingenistet hat, merken viele erst an ihrer Unruhe oder gar Panik, wenn sie ihr Gerät verlegt haben.
Was diese rasante und nicht mehr zu stoppende Entwicklung mit dem Einzelnen macht, aber auch – verstärkt durch Intensivnutzung der sogenannten sozialen Medien – mit dem sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft, ist noch gar nicht abzuschätzen und geht weit über Arbeitsschutzfragen hinaus.
Neue Zivilisationskrankheiten
Über die Langzeitwirkungen von Smartphones als neue Arbeitsmittel kann naturgemäß noch nicht viel bekannt sein. Doch warnende Stimmen gibt es seit Jahren und wie sich intensive Smartphone-Nutzung auf die Gesundheit auswirkt und weiter auswirken wird, ist bereits heute absehbar. Es folgt eine kurze Übersicht der auffallendsten medizinischen Befunde bei häufiger Handynutzung.
Orthopädische Erkrankungen
Dass die Menschheit gerade dabei ist, den vor rund 3,6 Millionen Jahren erlernten aufrechten Gang wieder zu verlieren, ist sicher eine vorschnelle Bewertung. Doch schon heute sorgen Smartphones für nachweisbare körperliche Veränderungen und jede Menge Haltungsschäden.
Schon heute sorgen Smartphones für nachweisbare körperliche Veränderungen.
Handydaumen: eine neue Form einer Sehnenscheidenentzündung im Bereich von Daumen und Handgelenk, unter Medizinern scherzhaft auch als WhatsAppitis bekannt
Nackenhorn: eine spezielle Deformation am Hinterkopf, die sich durch knöcherne Auswüchse, sogenannte Exostosen, bemerkbar macht; auch als Stacheln, Kopfhörner und Telefonknochen bekannt; zuerst festgestellt in Australien, als Ärzte auf Röntgenbildern junger Männer bei jedem Zweiten zwischen 18 und 30 etwa drei Zentimeter große „Hörner“ am unteren Schädel hinten fanden. Mediziner vermuten eine Sehnenverknöcherung (analog zum Fersensporn am Fuß) durch die unnatürliche Kopfhaltung bei der Handynutzung.
Geierhals: auch als Handy-Nacken bekannt; seine Schmerzen verursachende Fehlhaltung durch den – für Handy-Nutzer typischen – nach vorne geneigten Kopf bei einem unnatürlich stark gekrümmten Nacken; oft verbunden mit einem Rundrücken
Impingement-Syndrom: Reizung bis entzündliche Schädigung der Rotatorenmanschette der Schulter, hervorgerufen durch häufiges Drehen und Hochhalten des Handys, auch als iPhone-Schulter bekannt; die Schulter wird druckempfindlich und schmerzt beim Anheben des Arms
Degeneration der Wirbelsäule: eine Folge der typischen Handy-Haltung, die als Fehlhaltung nicht nur zu chronischen Kopf‑, Rücken- und Nackenschmerzen führen kann, sondern auch zum frühzeitigen Verschleiß der Wirbelsäule.
Digitale Augenerkrankungen
Sicca-Syndrom: trockene, brennende und gerötete Augen, oft ein Anzeichen dafür, dass man zu viel (auf einen Monitor) „starrt“ und dabei zu wenig blinzelt; die Augen werden nicht mehr regelmäßig mit Tränenflüssigkeit benetzt
Kurzsichtigkeit: hervorgerufen durch den geringen Abstand zum Auge und die meist kleine Schriftgröße; zusätzlich befördert durch den Aufenthalt in geschlossenen Räumen mit geringerer Helligkeit
Digitaler Sehstress: Wir schauen im Schnitt 50– bis 80-mal pro Tag auf unser Smartphone. Das ständige Blicken auf digitale Endgeräte verändert nicht nur unsere Art zu sehen. Der digitale Sehstress kann unmerklich zur mentalen Belastung werden.
Hygiene- und Infektionsrisiken
Infektionsrisiken: Handys werden so häufig in die Hand genommen wie kaum ein anderer Gegenstand. Nicht immer sind die Finger sauber. Die Geräte liegen auf Kneipentischen, im Bad, einige nehmen ihr Gerät sogar mit aufs stille Örtchen. Jeder Erreger von Türklinken oder Haltegriffen in der U‑Bahn landet beim Tippen auf dem Display, wo sich – nicht nur in der Erkältungszeit – dichte Bakterienrasen bilden.
Smartphone-Akne: auch Phacne (Phone-Acne) genannt; das Handy wird – mitsamt Dreck, Fett und Keimen – oft an die Wange gehalten, optimale Bedingungen für Hautunreinheiten.
Hygienerisiken werden schnell zu Infektionsrisiken und ein Touchscreen zum Krankheitsüberträger. Es ist derzeit nicht abzusehen, dass ein regelmäßiges Abwischen, Reinigen und gegebenenfalls Desinfizieren des Smartphones so selbstverständlich werden würde wie das Zähneputzen.

Handys sollten regelmäßig gesäubert werden. Auf dem Display eines Smartphones kann sich ein dichter Bakterienrasen bilden.Foto: © Daniels C/peopleimages.com – stock.adobe.com
Mentale und psychische Folgen
Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Das Smartphone erobert sie wie kein anderer Gegenstand, dies kann kaum folgenlos bleiben.
Konzentrationsstörungen: Das Smartphone senkt die Konzentration und verringert die Aufmerksamkeitsspanne. Selbst ein stumm geschaltes Handy in Sichtweite lenkt ab und mindert die kognitive Leistung.
Schlafstörungen: Wer ständig auf sein Smartphone schaut, schläft meist schlechter. Viele greifen selbst im Bett und kurz vorm Schlafen noch zum Handy, das kann die Schlafqualität beeinträchtigen.
Brain-Drain-Effect: Die ständige Ablenkung erzeugt keineswegs Entspannung, sondern Stress. Schon allein die physische Anwesenheit eines Smartphones vermindert Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung.
FOMO: kurz für „Fear Of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen; erste Social-Media-Krankheit mit den Symptomen Unzufriedenheit und Nervosität, gleichzeitig Verlust von Gelassenheit und Genussfähigkeit.
Nomophobie: die Kurzform von „No-Mobile-Phone-Phobia“, eine neue Form von Abhängigkeit und Suchtverhalten. Viele Apps werden so konstruiert, dass sie einen Sog erzeugen, unseren Spieltrieb triggern; jeder Like schüttet im Hirn Dopamin aus. Die Suchtsymptome bei Nicht-Verfügbarkeit des Smartphones reichen von Nervosität bis zu Angstzuständen und Panik.
Nicht zuletzt: Wie aufrecht wir gehen und stehen, wirkt zurück auf unsere Psyche. Das aktive Erleben einer mit allen Sinnen erfahrenen Umgebung und gemeinsam mit anderen tut uns gut. Eine eingeigelte und von der Umwelt abgewandte Körperhaltung fördert depressive Stimmungen.
Digital Detox im Betrieb?
Die obige Aufzählung will Handys nicht verteufeln, auch der Autor nutzt sein Smartphone gern. Doch gerade als Arbeits- und Gesundheitsschützer sollte man sich der Risiken und Nebenwirkungen bewusst sein. Wenn immer mehr Schulen in immer mehr Ländern aus guten Gründen zu handyfreien Zonen werden und selbst im Bundestag zur „Handy-Enthaltsamkeit“ aufgerufen wird, können Unternehmen sich dem Thema nicht länger entziehen.
Zunächst ist jeder für sich selbst zuständig und verantwortlich dafür, auf welche Weise und in welcher Intensität er sein Smartphone benutzt. Sobald es sich jedoch um Diensthandys und beruflich genutzte mobile Endgeräte handelt, ist auch der Arbeitsschutz gefragt.
Dabei geht es nicht nur um Nutzungseinschränkungen bei erhöhten Unfallrisiken oder spezielle Warnhinweise wie etwa Bodenampeln für Smombies (Smartphone-Zombies). Ablenkung und Digitalstress, Augen- und Haltungsschäden sind in jeder Branche und an jedem Arbeitsplatz ein Thema.
Analog, aufrecht und empathisch
Pauschallösungen gibt es nicht. Jeder Betrieb muss einen eigenen Weg finden, etwa handyfreie Bereiche festlegen, Unterweisungen ansetzen, Nutzungsregeln aufstellen oder einen Digital-Detox-Coach engagieren. Noch wirkungsvoller ist, typische Handy-Glotzer im Kollegenkreis einfach mal darauf anzusprechen. Viele sind sich der Folgen intensiver Smartphonenutzung nicht bewusst.
Gerade Sicherheitsbeauftragte können dazu beitragen, dies zu verändern. Nicht zuletzt haben sie die ganz wichtige Funktion, Arbeitsschutz von Mensch zu Mensch zu kommunizieren: analog, in aufrechter Haltung, empathisch und auf Augenhöhe – so wie es keine Arbeitsschutz-App jemals leisten kann.
Autor:
Dr. Friedhelm Kring
Freier Journalist, Redakteur und Referen
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